Vorne weg, ja ich habe es endlich geschafft. Aber der Reihe nach.
Honningsvag

Nach dem erfolgreich in Olderfjord aus gesessenen Regen führte mich mein Weg am Sonntag bei meist schönstem Sonnenschein endlich weiter in Richtung Norden. Heute sollte es endlich auf die Nordkappinsel Magerøya gehen. Vor mir lagen knapp 100 km entlang des Posangerfjords bzw. seiner Seitenarme.
Am Anfang führte die Straße meist in Wellen nur unterbrochen von ein paar Tunneln immer entlang der der steilen Küste. Der Verkehr hält sich in Grenzen und bis zur ersten Pause an einem Rastplatz komme ich gut voran. An dem Rastplatz in einer Bucht hatten anscheinend viele Touristen zu viel Zeit. Der ganze Stein-„Strand“ ist gefüllt von zum Teil imposanten Steinmännchen.
Nach der Pause geht es weiter die Küste entlang, die mit der Zeit immer flacher zum Meer hin abfällt. Dafür nehmen die Wellen und leider auch der Gegenwind zu. Die Landschaft ist bei dem schönen Wetter aber immer noch hübsch anzusehen. Im weiteren Verlauf kürzt die Straße immer wieder Landzungen ab indem sie über die Erhebung hinüber führt. So langsam wird es anstrengender. Konnte man die Wellen vorher noch meist ganz gut fahren, heißt es jetzt in die kleinen Gänge schalten und Kurbeln. Oben auf einer dieser Hügel mache ich eine Pause an einer Straßeneinmündung. Leider gibt es keinen Rastplatz. So wie ich da auf meinem Stein sitze und auf die am Horizont sichtbare Nordkappinsel schaue, entdecke ich gar nicht so weit von mir eine kleine Herde Rentiere. Eins der Tiere ist weiß und sieht irgendwie ungewohnt aus. Die nächsten Tage habe ich aber immer wieder weiße Rentiere gesehen, Von daher scheint es doch nicht so ungewöhnlich zu sein. Leider waren sie für meine Kamera zu weit weg, so dass ich kein richtig gutes Foto machen konnte.
Bevor ich endlich Magerøya erreichte, lag noch die größte Herausforderung des Tages vor mir, der Nordkapptunnel. 6870 Meter lang und 212 Meter unter dem Meeresspiegel verbindet er Magerøya mit dem Festland. Das bedeutete ca. 3 km hinab und vor Allem auf der anderen Seite auch wieder ca. 3 km mit 10% Steigung hinauf. Und das mit schon ca. 70 km und einigen Hügeln in den Beinen. Vor dem Tunnel ein kurzer Stopp, nochmal durchatmen, Warnweste an, Licht einschalten und kontrollieren, dass es funktioniert. Dann hinein in die Röhre. Ein bisschen mulmig wurde es mir auf der Abfahrt schon. Es ist zum Glück wenig Verkehr, aber es ist feucht und kalt. Immer wieder bremse ich ein wenig um nicht zu schnell zu werden. Auch wenn die Straße in einem guten Zustand ist, kostet es mehr Überwindung einfach rollen zu lassen, als bei einer Abfahrt über Tage. Unten angekommen geht es eine kurze Strecke mehr oder weniger eben, bevor der Anstieg beginnt und der hat es in sich. Am Anfang läuft es noch ganz gut und ich kurbele im ersten Gang vor mich hin. Am Rand des Tunnels gibt jeden Kilometer ein Schild, welches anzeigt wie weit es in welche Richtung bis zum Ausgang ist. 3km, der Anstieg beginnt, 2 km alles noch ok, … woooo bleibt das Schild 1 km?…., ah da ist es endlich!, 1 km es wird langsam hart, … es wird härter … nein ich kann im Tunnel nicht einfach stehen bleiben und es gibt gerade keine Nothaltebucht … beißen … ein paar Meter im Stehen … beißen … ah endlich der Tunnelausgang, endlich wieder Tageslicht, Durchschnaufen, Geschafft! Endlich aus dem Tunnel raus, endlich auf der Nordkappinsel.
Kurz hinter dem Tunnelausgang sammelte ich an einem Rastplatz noch einmal meine Kräfte für die letzten 15 km bis Honningsvag. Davor lag noch ein kleinere Tunnel und ein 4 km Tunnel, aber beide zum Glück ohne nennenswerte Steigung. Als ich in Honningsvag ankam, war ich platt. Ich hatte keine Lust noch die 5 km zum Campingplatz zu fahren und quartierte mich lieber im Vandererhejm ein. So konnte ich auch morgen auf dem Weg zum Nordkapp ohne Umweg noch vorher beim Supermarkt vorbei fahren.
Nordkapp

Heute kann ich mir Zeit lassen. Bis zum Norkapp sind es ca 30 km. Also frühstücke ich erst gemütlich in Vandererhejm bevor ich mich auf dem Weg mache. Bei einem kurzen Stop am Supermarkt, decke ich mich mit meinem üblichen Proviant für den Tag ein, Eiskaffee, Teilchen, Bananen und Cola. Dann geht es los auf die letzten Kilometer zum nördlichsten Punkt Europas, der mit einer Straße zu erreichen ist. Kurz hinter Honningsvag geht es dann das erste Mal für diesen Tag richtig den Berg hoch. Unterbrochen durch ein paar Kurven zieht sich die Straße über die Hügel und nach der ersten Kurve erwartet mich der Wind. Ein kräftiger Wind, der mich immer wieder in Böen von der Seite erwischt. Im kleinsten Gang muss ich kämpfen nicht von der Straße geweht zu werden. Oben angekommen geht es in Wellen weiter durch die fast baumlose Landschaft. Der Wind hat zum Glück nachgelassen. Immer wieder stehen Rentiere neben der Straße. Es geht auf und ab. Nach dem nächsten größeren Hügel und etwa der Hälfte der Strecke mache ich Rast auf einem Rastplatz. Er ist halbwegs windgeschützt und bietet einen schönen Blick auf eine Bucht. Als ich wieder aufbrechen will, kommt ein Reisebus. Alle steigen aus, machen ein paar Fotos und der Bus fährt weiter. Ich mache mich auch wieder auf den Weg. Nach dem nächsten Hügel folgt eine rasante Abfahrt. Hier kommt mir ein Radler entgegen, der auch in Olderfjord auf dem Campingplatz war. Am Ende der Abfahrt zweigt die Straße zum Nordkapp ab und es geht mal wieder den Berg hoch. Ok. Das Nordkapp ist ja auch eine Klippe, da muss es ja vorher hoch gehen. Also folgen noch mal um die 300 hm, die es nach oben zu kurbeln gilt, bevor endlich das Schild Nordkapp vor mir auftaucht. Dahinter direkt ein Kassenhäuschen. Ja, man muss Eintritt bezahlen, wenn man das Nordkapp besuchen möchte. Ich halte an, aber die Dame in dem Häuschen sagt mir, dass der Eintritt für Radler kostenlos ist. Also fahre ich weiter. Hier oben gibt es einen großen Parkplatz, ein Besucherzentrum mit Restaurant und Cafe und den bekannten Stahlglobus. Zuerst lasse ich mich auf einer Bank eben dem Besucherzentrum nieder. Ich kann noch nicht ganz glauben, dass ich es wirklich bis hier her geschafft habe. Und es wird bestimmt auch noch ein paar Tage dauern, bis ich es wirklich realisiert habe. Am Globus tummelt sich gerade eine Busladung Rentner und so lasse ich mir Zeit. Als es ruhiger wird, rolle ich mit dem Rad hinunter für das obligatorische Foto mit dem Globus. Hier unterhalte ich mich eine Weile mit zwei Jungs aus Deutschland, die mit dem Auto durch Schweden und Norwegen reisen und einem Pärchen die mit dem Motorrad hier ist.
Nach dem Globusfoto setze ich mich ins Cafe und schreibe Postkarten. Wenn ich schon keinen Eintritt zahlen musste, kann ich mir ja auch einen Kaffee für 40 NOK leisten. Den Rest des Nachmittags verbringe ich im Besucherzentrum und spaziere noch ein bisschen draußen herum. Irgendwie will sich aber kein wirkliches Hochgefühl oder besonderes Gefühl einstellen. Es ist mehr so, „Ok, wieder ein Punkt auf der Reiseroute abgehakt“.
Am späteren Nachmittag schaue ich mir noch den 15 minütigen Panoramafilm an, von dem irgendwer, ich glaube eine ältere Dame auf irgendeinem Campingplatz, so geschwärmt hatte. Darin werden Landschaftsaufnahmen aus den verschiedenen Jahreszeiten gezeigt. Es waren schon ein paar faszinierende Aufnahmen dabei, nur meine Sitznachbarn hinter mir, aus der deutschen Busgruppe, ließen es sich nicht nehmen, jede neue Einstellung zu kommentieren. :/
Nach dem Film machte ich mich auf den Rückweg nach Honningsvag. Auf dem Weg traf ich ein Radlerpärchen aus Weimar, mit denen ich mich eine Weile unterhielt. In Honningsvag auf dem Campingplatz angekommen, dann wieder das übliche Programm. Zelt aufbauen, Duschen, Essen, Schlafen.
Olderfjord
Am nächsten Morgen pfiff dann ein heftiger Wind über den Campingplatz. Es gab dort auch so gut wie keine Windschatten, so dass es ein kleiner Kampf war, das Zelt abzubauen, ohne, dass es weg flog.
Heute sollte es wieder zurück nach Olderfjord gehen. Von dort aus, wollte ich dann der E6 folgen und später dann in Richtung Finnland abbiegen. Es war auch der nächste Campingplatz auf der Route. Aber irgendwie wollte mein Kopf nicht. Das große Ziel Nordkapp war erreicht. Die Motivation war irgendwie weg. Und dazu kam dann noch der Gegenwind. Den ganzen Tag. Und der Nordkapptunnel.
Nach einem ausgiebigen Frühstück am Supermarkt machte ich mich relativ spät auf dem Weg. Kurz vor dem Nordkapptunnel traf ich die beiden italienischen Wanderer wieder, die mit mit zusammen in dem Hostel auf dem Campingplatz in Olderfjord übernachtet hatten. Sie sind hatten erzählt, dass sie irgendwo in Finnland, ich hatte den Namen nicht verstanden, gestartet sind und bis Olderfjord schon 30 Tage zu Fuss unterwegs waren. Sie waren gerade durch den Nordkapptunnel getrampt und liefen jetzt weiter die Straße entlang. Wir unterhielten uns eine Weile, bevor es weiter ging. Auf dem Rastplatz vor dem Tunnel, machte ich noch eine kurze Pause. Aber alles verzögern hilf nicht. Ich musste da jetzt einfach durch fahren. Also Warnweste, Licht, los. Und in diese Richtung lief es irgendwie besser. Mag sein,dass die Auffahrt aus dieser Richtung etwas flacher ist oder vielleicht lag es auch einfach daran, dass ich noch keine 70 km in den Beinen hatte. Gefühlt war noch weniger Verkehr als am Sonntag und es überholten mich vielleicht 3 Autos auf der ganzen Fahrt durch den Tunnel. Nur nebeliger war es und so musste ich zwischendurch in einer Nothaltebucht meine beschlagene Brille putzen um noch irgendwas zu sehen.
Der Rest des Tages ist schnell erzählt die Strecke war ich ja vorgestern erst in die andere Richtung gefahren. Nur das Wetter war schlechter als am Sonntag und ich hatte bis zum späten Nachmittag Gegenwind.
Kurz vor dem Campingplatz in Olderfjord fing es dann auch noch zu allem Überfluss an zu regnen. So kam ich klatschnass an und es gab leider kein Hostelzimmer mehr. Und für das doppelt so teure Hotelzimmer war ich in dem Moment zu knauserig.
Also versuchte ich im Regen mein Zelt so aufzubauen, dass das Innenzelt nicht nass wird. Die gelang mir aber eher nur so semi gut. Meine Technik ist auf jeden Fall noch verbesserungswürdig.
Lakselv

Am nächsten Morgen begrüßte mich dann zum Glück wieder die Sonne. Als Ziel für heute hatte ich mir Lakselv ausgesucht. Ca. 65km und so ließ ich es etwas ruhiger angehen. Die ersten Kilometer liefen eigentlich auch ganz gut, aber dann setzte wieder der Gegenwind ein. So kämpfte ich mich heute wie auch schon gestern nur von Pause zu Pause. Mein Kopf wollte nicht, meine Beine wollten nicht, der Wind. Da konnte die Sonne noch so schön scheinen und die Landschaft zumindest am Anfang noch so schön aussehen.
Da es in Lakselv, nach meinen Internetrecherchen, keine Campingplatz gibt, wollte ich im Vandererhejm übernachten. Das liegt ca. 7 km außerhalb des Orts. Aber zumindest in der für mich richtigen Richtung. Nach 5 km auf der E6 schickt mich ein Wegweiser auf einen Schotterweg, dem ich 2 km bis zum Vandererhejm folge. Es liegt wunderschön mitten in der Natur. Nur war es leider geschlossen. Kein Mensch weit und breit. Kein Licht an und durch die Fenster des Speisesaals sah man die Stühle auf den Tischen stehen. Na super. Jetzt stehe ich vor der Wahl, der nächste Campingplatz in ca. 25km, Wildcampen, allerdings ohne wirklich Wasser zum Kochen und für den nächsten Tag oder zurück nach Lakselv in ein Hotel. Zurück an der Hauptstraße beschließe ich, mich noch die 25 km bis zum nächsten Campingplatz durchzukämpfen. Nach 300m hat der Gegenwind gewonnen und ich gebe auf. Bei dem Wind will ich auch nicht versuchen hier neben der Straße irgendwo mein Zelt aufzubauen. Also geht es doch wieder zurück nach Lakselv. Zum Glück gibt es im Hotel noch ein Zimmer für mich, sogar um einiges günstiger,als der Preis, den Booking mir angezeigt hatte.
Karasjok

Der Wind hatte sich gelegt und auch seine Richtung geändert. Er kam jetzt mehr von hinten oder der Seite und so war das Radeln heute schon eindeutig angenehmer. Auch wenn die Sonne nur selten durch die Wolken hindurch kam. In Lakselv verabschiedete ich mich vom Meer bzw. dem Fjord. Es geht jetzt wieder ins Landesinnere. Die ersten 5 km kannte ich ja schon von meinem Ausflug zum Vandererhejm. Danach ging es in Wellen meist ein Flusstal hinauf und die Straße führte durch ein militärisches Sperrgebiet mit Hinweistafel am Anfang, dass man nicht Fotografieren und nicht Halten darf. Mittendrin dann eine Kaserne und überall Warnschilder „Achtung Schießplatz“ (oder zumindest, habe ich es mir so übersetzt. 😉 ). Hinter dem Sperrgebiet ging es weiter durch das Tal, unterbrochen von so einigen Hügeln und Seen. Die Landschaft war viel grüner als die letzten Tage, aber auch eintöniger. Meist säumten Büsche und kleine Birken die Straße und am Horizont konnte man die Hügel am Rand des Tals sehen. Kurz vor Karasjok erwischte mich dann auch noch ein kleiner Schauer, der aber zum Glück schnell vorüber war. In Karasjok angekommen machte ich kurz Halt beim Supermarkt und quartierte mich dann für zwei Nächte auf dem Campingplatz ein. Meine Beine brauchen einfach mal einen Tag Ruhe.
Der Besitzer des Campingplatz sagte mir abends, dass die Chancen gut seien Polarlichter zu sehen, wenn der Himmel klar bliebe. Ich gammelte den ganzen Abend im Zelt rum und als ich kurz vor dem Schlafengehen noch einmal zur Toilette ging, konnte man wirklich leuchtende Schlieren am Himmel sehen. Mit bloßem Auge waren sie aber kaum von Wolken zu unterscheiden. Ich versuchte ein paar Fotos zu machen und auf den Bildern haben die Schlieren dann auch die typischen Farben, wie man sie von Fotos von Polarlichtern kennt. Hätte ich mir irgendwie spektakulärer vorgestellt. Aber wahrscheinlich wäre es außerhalb von Ortschaften ohne das Umgebungslicht von Straßenlaternen und Co auch spektakulärer gewesen. Ich stehe noch eine Weile vor de Zelt herum, aber es tauchen keine neuen Schlieren auf und es ist einfach Sau kalt. Die Wettervorhersage hatte für die Nacht Temperaturen um die 1-2°C angekündigt. So verkrieche ich mich in meine warmen Schlafsack.
Den heutigen Ruhetag habe ich dann mit Unterbrechung durch eine Fahrt zum Supermarkt fast vollständig vergammelt, so dass ich wieder viel zu spät angefangen habe diesen Blogeintrag zu schreiben.
Morgen geht es dann nach Finnland. Der Plan ist es mit dem Rad bis nach Rovaniemi am Polarkreis zu fahren und von dort aus mit dem Zug nach Helsinki und mit der Fähre nach Deutschland.
Hallo. auch von mir eine herzliche Gratulation zum Erreichen des Nordkaps. Ist schon eine mächtige Strecke von Spanien herauf – und man weis, dass das Wetter und der Wind von Spanien aus gesehen gen Norden nicht besser wird. Aber zumindest auf den letzten Bildern sieht man ja überwiegend blauen Himmel.
Für die Rest-Tour noch viel Spaß, das sind ja nochmal 800 km zurück bis auf die Höhe von Bodo. Aber keine Angst, wie man auf dem Globus sieht, geht es vom Nordpol bis zum Äquator immer nur bergab.
Viele Grüße
M
Hey Matthias,
herzlichen Glückwunsch zum Erreichen des Nordkapps !! Sehr cool !!!!! Was für fantastische Fotos…
Danke für die Postkarte, habe mich sehr gefreut 🙂
Beste Grüße, bis bald beim gemeinsamen Biken
Uli „RPM“