Karasjok – Helsinki: Die finnischen „Ws“, Wald, Wellen, Wind

Jetzt sitze ich auf der Fähre von Finnland zurück nach Deutschland und so langsam dämmert es mir, dass sich meine Reise schneller als gedacht ihrem Ende nähert. Eigentlich hatte ich überlegt noch von Travemünde mit dem Rad zurück nach Bonn zu fahren, aber die sehr herbstliche Wettervorhersage für die nächsten Tage macht mir da einen Strich durch die Rechnung. Bei Regen und starkem Wind aus Südwesten muss ich mich die letzten Tage nicht noch quälen. Aber jetzt erst mal der Bericht von den letzten Tagen in Finnland. Einen Rückblick auf die Reise werde ich sicherlich mit ein paar Tagen Abstand noch schreiben.

Karasjok (doch noch ein weiterer Ruhetag)

Aus dem einen Ruhetag in Karasjok sind dann doch Zwei geworden. Als ich aufwache fühle ich schlapp und bin vollkommen unmotiviert weiter zu fahren. Ich habe zu wenig und auch noch schlecht geschlafen. So beschließe ich einen weiteren Tag zu bleiben. Den Tag nutze ich dann hauptsächlich um mal wieder das Internet auswendig zu lernen. 😉 Aber immerhin habe ich noch meine Klamotten gewaschen und einen kleinen Spaziergang zum Supermarkt gemacht. Das war es dann aber auch schon. Am Abend ging es dann früh ins Bett um am nächsten Tag fitter zu sein.

 

Peltojoki

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So ganz ist die Motivation noch nicht zurück und so komme mal wieder extrem spät los. In Karasjok verlasse ich die E6 und biege auf die Rv 92 nach Finnland ab.
Nach wenigen Kilometern meldet sich dann auf einmal mein Oberschenkel. Er ist verhärtet und schmerzt. Das fängt ja super an. Als es kaum noch geht, mache ich eine Pause und versuche ihn durch Dehnen und Kneten zu überreden weiter zu radeln. Die ersten paar Meter geht es auch gut. Dann fängt er wieder an zu schmerzen. Also nochmal stehen bleiben und kneten. Danach geht es einigermaßen. Ich merke, dass es besser wird, wenn ich meine sonst „relativ hohe“ Trittfrequenz reduziere und etwas langsamer und dafür mit mehr Kraft trete.
So geht es dann meist entlang eines Flusses zur finnischen Grenze. Eine der wenigen Grenzen auf der Tour, an der noch ein richtiges Grenzhäuschen steht. Auch wenn nicht kontrolliert wird. Sonst stand nur an der Grenze zwischen der Schweiz und Österreich noch ein Häuschen. Bei den anderen hat man maximal am Wechsel des Straßenbelags und dadurch dass die Verkehrsschilder auf einmal anders aussahen, gemerkt, dass man jetzt in einem anderen Land ist.
Direkt hinter der Grenze finde ich einen kleinen Supermarkt, der glücklicherweise auch sonntags auf hat. Dort mache ich Pause bevor ich der 92 auf finnischer Seite weiter folge.
Kurz hinter der Grenze ändert sich langsam die Landschaft. Es wird hügeliger, keine großen oder steilen „Berge“, aber die fast gerade Straße nimmt jede Menge dieser Wellen mit. Es ist fast so, als hätte der Straßenplaner einfach eine gerade Linie auf der Landkarte gezogen. Nur um kleine Seen oder Flüsse wird ein Bogen gemacht. Ein Vorgeschmack auf das, was mich in den nächsten Tagen noch erwartet. Wellen und Wald nur unterbrochen von kleinen Seen oder Moorflächen.
Irgendwann stehen Baustellenschilder an der Straße und die vorher gut geteerte Fahrbahn verwandelt sich in eine kilometerlange Schotter-/Erdstraße. So lange es einigermaßen eben ist, lässt es sich aber ganz gut fahren. Nur an Anstiegen wird es anstrengender auf der zum Teil Wellblechähnlichen Piste. Nach 65 km erreiche ich den Campingplatz in Peltojoki und ich beschließe dort zu übernachten. Eigentlich wollte ich den nächsten in 25 km nehmen, aber es ist, dadurch, dass ich morgens nicht los gekommen bin, schon recht spät. Und die Grenze hat mir noch zusätzlich eine Stunde geklaut. Finnland liegt in einer anderen Zeitzone.

 

Ivalo

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Am nächsten Morgen geht es erst mal weiter auf der Erdstraße und es wird anstrengender als am gestrigen Tag. Es ist Montag und die Bauarbeiter sind mit schweren Maschinen unterwegs. Einige Stellen haben sie aufgeweicht und aufgekratzt, aber noch nicht wieder mit der Walze verdichtet. Hier ist die Straße für mich kaum befahrbar, so dass ich immer wieder schieben muss. Vor allem an Anstiegen.
In solch einem Bereich steht auf der Gegenfahrbahn auf einmal ein deutscher Reisebus relativ schief im Graben. Er scheint wohl erst vor ein paar Minuten von der Fahrbahn abgekommen zu sein. Die Reisegruppe steigt gerade in aller Ruhe aus und steht rund um den Bus. Es kommt ein weiterer Bus vorbei und der Busfahrer des zweiten Bus steigt aus und scheucht erst mal die Leute weiter vom Bus weg, damit sie nicht darunter landen, falls der schräge Bus doch noch weiter abrutscht oder eventuell sogar umkippt. Ich will nicht als Schaulustiger daneben stehen und fahre lieber weiter. Auch wenn es mich interessiert hätte, wie sie den Bus wieder auf die Straße bekommen haben. So ein bisschen Abenteuer kann mal auf so einer Busreise ja anscheinend doch haben. 🙂
Weiter geht es durch die Baustelle, die jetzt zum Teil, in dem Bereich wo gerade neu geteert wird, einspurig ist. Das Mädel, dass auf der einen Seite den Verkehr regelt sagt mir, dass ich weiter fahren kann, aber entgegenkommenden Autos Platz machen soll. So stehe ich öfter mal im Graben um Autos und LKWs durch zu lassen.
Endlich ist die Baustelle irgendwann zu ende und es geht auf neuem, feinstem Asphalt weiter bis zur 4/E75. Diese relativ große Straße wird mich den Rest meiner Reise bis Rovaniemi begleiten. Es ist eine der wenigen Straßen hier oben in Lappland. Bei meiner Recherche für die Route bin ich zwar noch auf eine kleinere Straße gestoßen, aber laut Forenberichten enthält diese Route 60 oder mehr Kilometer Erdstraße. Nach der Erfahrung in der Baustelle bin ich froh diese Route nicht gewählt zu haben.

Auch hier auf der E75 setzt sich die lappländische „Monotonie“ aus Wald und Wellen fort. Waren es kurz hinter der Grenze meist Birken, kommen nun immer mehr Nadelbäume dazu. Unterbrochen wird die Eintönigkeit nur ab und zu von Seen und Flüssen, die etwas Abwechslung für das Auge bieten. Nach der „Reizüberflutung“ in Norwegen mit ständig neuen Aussichten auf Fjorde und Felsen und atemberaubende Landschaften ist es hier eher das Gegenteil. Ein Motorradfahrer den ich an einem Rastplatz auf der Fahrt von der Nordkappinsel nach Olderfjord getroffen hatte, sagte, er freue sich auf Finnland wo es nur gerade aus durch den Wald geht, um die ganzen Eindrücke aus Norwegen zu verarbeiten.
Ich muss mich erst noch daran gewöhnen und komme noch nicht so recht in die Entspannung. Die große Straße, auch wenn sich der Verkehr in Grenzen hält, versetzt mich wieder mehr in meinen Rennmodus. Und wenn das nicht schon anstrengend genug wäre, habe ich auch noch Gegenwind.
So komme ich relativ Platt in Ivalo auf dem Campingplatz an. Zu allem Überfluss werde ich dort auch noch beim Zeltaufbauen von einem Schwarm kleiner Mücken attackiert. So verkrieche ich mich erst mal in mein Zelt und warte bis sie verschwunden sind, bevor ich duschen gehe.

 

Vuotso

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Am nächsten Morgen lassen sich die Mücken zum Glück nicht blicken. Es geht weiter bei schönstem Sonnenschein auf der E75. Hier oben ist schon ziemlich Herbst. Die Birken färben sich langsam gelb und verlieren ihre Blätter. Bei Sonne sind die Temperaturen tagsüber aber ganz angenehm um die 15°C.
Der Tag ist wieder von den 3 finnischen Ws geprägt: Wald, Wellen und Wind.
Ich komme immer noch nicht ganz aus meinem Rennmodus heraus und so ist heute nach 70 km Feierabend. In Vuotso, einem der wenigen Orte, an der Strecke frage ich in einem Bed&Breakfast nach einem Zimmer. Sie haben zum Glück noch eins frei. Es befindet sich separat vom Haupthaus neben der Sauna und hat sogar eine Kochecke, so dass ich mir abends Nudeln kochen kann.

 

Sodankylä

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Heute Morgen als ich zum Haupthaus zum Frühstück gehe, bin ich froh, dass ich mir das Zimmer genommen und nicht gezeltet habe. Es gab in der Nacht Frost und auf der Wiese ist noch Raureif.
Nach dem Frühstück und einem kurzen Gespräch mit dem sehr netten älteren Besitzer, mache ich mich wieder auf den Weg. Erst noch ein kurzer Stop bei dem kleinen Laden im Ort und dann weiter auf der E75 nach Süden.
So langsam gewöhne ich mich an die Monotonie und die große Straße. Ich hetze nicht mehr so und komme ins Träumen und Grübeln. Die Hügel werden flacher und es ist immer noch schönstes Herbstwetter.
Am Abend schlage ich dann mein Zelt auf dem Campingplatz in Sodankylä auf. Meine Wetterapp sagte für die Nacht eindeutig positive Temperaturen voraus. Als ich nachts kurz auf Toilette gehe, werde ich eines Besseren belehrt. Das Kondenswasser an der Zeltplane ist gefroren. Also nach der Toilette schnell zurück in den warmen Schlafsack. Ich bin froh, damals als ich mir den Schlafsack gekauft habe, einen gewählt zu haben, der auch leichte Minustemperaturen zulässt. Auch wenn er in Spanien und Südfrankreich zum Teil viel zu warm war.

 

Tiainen

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Als ich am Morgen aufwache, ist immer noch Raureif auf der Wiese. Und so bleibe ich relativ lange mit meinem Kaffee im Schlafsack sitzen. Die Sonne scheint und so langsam taue ich auf.
Es sind noch 130 km bis Rovaniemi, die ich aber lieber auf zwei entspannte Tage aufgeteilt habe. Es liegt ein Campingplatz ungefähr in der Mitte, den ich mir als heutiges Ziel ausgesucht hatte. So lasse ich den Tag entspannt angehen. Es läuft recht gut und das Wetter passt auch wieder. Sogar der Wind ist etwas weniger geworden.
Der Campingplatz in Tiainen liegt direkt an einem See. Nach dem Duschen und Essen sitze ich noch relativ lange auf einer Bank und schaue mir den Sonnenuntergang an. Ein wunderschöner Ort, nur der Lärm der Autos auf der Straße stört ab und zu die Idylle.

 

Rovaniemi

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Heute ist das Wetter leider nicht mehr so schön wie die letzten Tage. Über Nacht sind graue Wolken aufgezogen und es ist deutlich kälter als die letzten Tage. Dafür hat der Wind gedreht, so dass ich auf der letzten Etappe nach Rovaniemi zum Teil sogar Rückenwind habe. 😉
So komme ich gut voran. Kurz vor Rovaniemi am Polarkreis liegt das Weihnachtsmanndorf. Ein Touripark an dem das ganze Jahr Weihnachten ist. Angeblich wohnt der Weihnachtsmann hier. Und es gibt das Santa Claus Postoffice. Ich drehe eine kleine Runde, aber Weihnachtstimmung will bei mir keine aufkommen. 😉 Mich nervt  die leise Weihnachtsmusik, die auf dem Platz vor dem Weihnachtsmannhaus gespielt wird eher. Auch die wenigen Touristen, die hier unterwegs sind, sehen nicht wirklich weihnachtlich gestimmt aus. Das Wetter hat heute aber etwas von Weihnachten in Deutschland. Grau, um die 10°C und Wind. Insgesamt eher ungemütlich.
Ich mache mich weiter nach Rovaniemi. Umso näher man der Stadt kommt, umso mehr nimmt der Verkehr zu. Zum Glück gibt es jetzt einen separaten Radweg der mich in die Stadt bringt. Ich bin ein bisschen erschlagen von dem vielen Verkehr und den „vielen“ Menschen. Nach Wochen auf der Straße und in kleinen Orten, fühlt sich Rovaniemi schon wie eine Großstadt an. Auch wenn es sicherlich keine ist.
Mein erster Weg führt mich zum Bahnhof. Ich bekomme noch eine Karte mit Fahrrad für den Nachtzug am Abend nach Helsinki.
Jetzt heißt es warten und Zeit totschlagen. Ich drehe eine kleine Runde durch die Stadt. Anscheinend ist gerade Semesteranfang. Überall laufen kleine Gruppen von Studenten mit bunten Overalls und Bierdosen rum und singen und gröhlen irgendwas, wenn sie sich begegnen.
Am Abend gehe ich in der Nähe des Bahnhofs noch eine Pizza essen und verbringe die letzten 2h bis der Zug kommt am Bahnhof. Ich packe noch meine Sachen etwas um damit ich nicht meine ganzen Taschen durch den Zug schleppen muss.
Um 21:15 Uhr geht es dann mit dem Zug durch die Nacht nach Helsinki. Ich habe nur einen normalen Sitz und kein Schlafabteil gebucht. So wird die Nacht etwas ungemütlich, aber ich kann Schlafen. Zum Glück ist der Platz neben mir frei, so kann ich meine Beine zumindest etwas ausstrecken. Ich wälze mich auf meinem Sitz hin und her, aber nach einer Weile tut doch immer irgendwas weh. Mal der Nacken, mal die Knie, mal irgendwas anderes.

 

Helsinki

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Leicht gerädert komme ich im verregneten Helsinki an. Hier mache ich mich vom Bahnhof auf den Weg zu Freunden, die ich ein paar Tage besuche.
Auch wenn das Wetter nicht ganz mitgespielt hat, habe ich das Wochenende in Helsinki sehr genossen. Wir hatten uns schon sehr lange nicht mehr gesehen.

Gestern Mittag ging es dann bei strahlendem Sonnenschein zum Fährhafen. Ich war etwas früh da und so musste ich noch fast zwei Stunden warten, bevor ich zusammen mit noch 8 anderen Radlern hinter einem „Führungsfahrzeug“ quer durch den Hafen auf die Fähre fahren durfte.
Die Zeit auf See ist dann vor Allem durch Essen geprägt. 😉 Und gestern Abend von ein paar Bier.

Heute Abend kommen wir in Travemünde an. Und so wie die Wettervorhersage aussieht, werde ich wohl sehen, dass ich morgen mit dem Zug nach Bonn zurück fahre. Dann bin ich zwar zwei Wochen früher wieder zuhause als geplant, aber auf eine Woche radeln im Regen habe ich keine Lust. 

Ein Kommentar bei „Karasjok – Helsinki: Die finnischen „Ws“, Wald, Wellen, Wind“

  1. Schön, dass du es geschafft hast und das alles gut ging.
    Nach Norwegen empfanden auch wir die Strecke zurück durch Schweden all sehr langwellig. Oft haben wir auch festgestellt, dass neben der Straße nur noch 100 m Fichtenwald war und dahinter sehr viel abgeholzt worden ist. Finnland ist schön, aber nur wenn man sich schnell bewegt und von einer finnischen Freundin gezeigt bekommt, wo die spektakulären Ecken sind. Vom Weihnachtsland in Rovanjemi hat Christian noch jahrelang Post vom Weihnachtsmann bekommen, wenn auch manchmal erst im Februar.
    In Travemünde hätten wir uns beinahe getroffen, wir waren am 14.9. dort (Hamburg-Reise)
    Dann noch weiterhin viele schöne Fahrrad-Touren…….
    M

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